Donnerstag, 25. Januar 2007

Kurzgeschichte: Das Problem

"Wie bitte??? ... Auweia ... Mmhm, mmhm, verstehe ... Jaja, das macht Sinn ... Äh? Wie jetzt? ... Ach so?! ... Du lieber Himmel, das ist aber ein dicker Hund! ... Ja, verstehe ... Sicher, sicher, ich werd sehen, was sich machen lässt und mich dann wieder melden ... Mein lieber Herr Gesangsverein..." Sichtlich irritiert und ohne an eine Verabschiedung zu denken ließ er den Hörer langsam zurück auf die Gabel des Telefons sinken. "Meine Güte," seufzte er vor sich hin, "sechs Bonbons in einer Tüte!" Das hatte sein Opa früher immer gesagt und auch, wenn er den Sinn nie ganz verstanden hatte, hatte sich der Spruch doch tief in sein Sprachzentrum gemeißelt. Aber jetzt hieß es, sich über ein ganz anderes Problem den Kopf zu zerbrechen.

Er startete seinen bewährten Teppich-Rundgang. Die linke Hand in die Hüfte gestützt und die rechte Hand auf seiner Stirn liegend drehte er Runde um Runde auf dem schon lange abgetretenen Läufer. Dieser Methode hatte er schon so manchen genialen Einfall zu verdanken, aber im Moment tobte in seinem Kopf lediglich eine Sturmflut von zusammenhanglosen Gedanken. Hätte man in sein Gehirn hineingucken können, so hätte sich einem vermutlich folgendes Bild geboten:
Dunkelheit. Tosende See. Pfeifender Wind. Zuckende Blitze. Inmitten der rauhen Wellen eine Nussschale von einem Boot. Gewissermaßen eine Wal-Nussschale. Er in ihr, krampfhaft an den Mast geklammert. Immer wieder trifft ihn der Schlag. Und zwar in Blitzform. Jeder Blitz hat dabei eine andere Gestalt. Nackte Frauen. Kreuzschlitzschraubenzieher. Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsmützenkordeln. Linoleum. Alles dabei. Nur keine mögliche Lösung für sein Problem. Er schreit. Und genau das ist der Punkt, an dem wir uns schnell wieder auf den Weg aus seinem Kopf machen und auf dem Teppich bleiben sollten, auf dem er immer noch verzweifelt hin- und hermarschierte.

Er sah schlecht aus. Die rechte Hand war mittlerweile zum Kinn heruntergewandert, tiefe Sorgenfalten zogen sich über seine Stirn. Sein Opa hatte früher immer gesagt, er dürfe keine Grimassen schneiden (also auch nicht die Stirn kraus ziehen), weil irgendwann das Gesicht dabei erstarren würde. Es hatte ihn jedes Mal zum Lachen gebracht, doch mittlerweile wusste er es besser. Wo sonst sollten die ganzen Leute mit Hasenscharte herkommen? Nichtsdestotrotz war die Stirn kraus ziehen im Moment für ihn der einzige Weg aus dem Schlamassel und selbst dieser drohte nun zur Sackgasse zu werden.

Mittlerweile waren schon über 30 Minuten seit dem verhängnisvollen Telefongespräch vergangen und er wusste immer noch nicht, was er tun sollte. Wie sollte er sich bloß verhalten? Was waren seine Optionen? Wo lauerten Risiken und Gefahren? Sein normalerweise so scharfer, analytischer Verstand ließ ihn diesmal einfach im Stich. Resigniert ließ er sich in seinen abgewetzten Sessel fallen und schloss die Augen. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Warum er? Warum jetzt? Warum, wieso, weshalb? Verzweifelt rieb er sich über sein Gesicht, bevor er in sich zusammensank und glasig vor sich hin starrte.

Wie lange er in dieser Position verharrte, wusste er nicht. Doch plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf, wie er sich eventuell aus seiner misslichen Lage würde befreien können. Es war nicht unbedingt der revolutionäre Geistesblitz, den er sich gewünscht hatte, aber es war immerhin ein kleiner Hoffnungsschimmer und damit mehr als er die letzten Minuten zustande gebracht hatte. Sofort fiel alle Resignation von ihm ab, er sprang aus dem Sessel, begann wieder mit seiner Teppich-Rundreise und feilte an seinem Plan. Diesmal gab es keine gedankliche Apokalypse, diesmal war das Bild klarer. Er witterte Morgenluft und schloss das Fenster. Die würde ihn nur ablenken. Nach ungefähr 20 äußerst produktiven Runden auf dem Teppich beschloss er, seinen Plan sofort in die Tat umzusetzen. "Wenn nicht jetzt, wann dann?" sagte er, um sich selbst Mut zuzusprechen. Wieder so ein Spruch von seinem Opa. Ein kluger Mann. Aber auch er selbst zählte sich nicht zu den Dummen, vor allem nicht nach diesem Durchbruch. Ein euphorisches Gefühl machte sich in ihm breit, als er zum Telefon griff und die Nummer wählte. "Ja, hallo! Wir hatten vorhin schonmal telefoniert ... Genau, jetzt weiß ich, was zu tun ist ... Wenn der Spinat aus ist, nehm ich halt einfach ne Magherita..."

Gerade läuft: Nix

2 Kommentar/e:

Anonym hat gesagt…

Gib mir bitte für Morgen mal die Nummer von der Frau Hanf. Ich sorg' dafür, dass du nie wieder was zu tun haben wirst bei Itergo! ;)

brazi hat gesagt…

sehr poetisch, gefällt mir. ich nehm einmal quatro staggioni.

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